Wenn diese Seite nicht korrekt angezeigt wird
gehen Sie bitte zur Originalseite



suedkurier.de | Prophet im eigenen Land
08. September 2010
+17°
+12°
+18°
+11°
Text: 
 

Kultur

Prophet im eigenen Land

[0]

Immer mussten sie lachen, wenn Sieber im Schultheater eine ernste Rolle spielte. Also wurde er Kabarettist.
Promo

Beim zufälligen Blättern in einer TV-Beilage hat er von der Folkwang-Hochschule Essen gelesen, hat sich halbherzig dort beworben, „als Notlösung“, wie er sagt, „mir ist sonst nichts eingefallen.“ Zum Glück, wie sich inzwischen gezeigt hat. Die Aufnahmeprüfung für die renommierte Nachwuchsschmiede hat Kabarettist Christoph Sieber „mit Ach und Krach“ geschafft, doch nach seiner Abschlussprüfung im Jahr 2000 mit dem Programm „Abgeschminkt“ erhielt er den Förderpreis des baden-württembergischen Kleinstkunstpreises. Jetzt, zehn Jahre später, wird er mit dem „richtigen“ Kleinkunstpreis geadelt und freut sich riesig, zumal er weiß, „wie das sonst oft so ist mit den Propheten im eigenen Land“.

Zur Zeit erlebt der gebürtige Niedereschacher den Kreislauf von Dezennien. Unlängst wurde er 40, was ihm „nichts ausgemacht“ habe, Alter sei bekanntlich eine Frage des Gefühls „und manche sind mit 50 jünger als andere mit 25“. Berührender sei neulich das Treffen mit früheren Mitschülern vom Hoptbühl-Gymnasium in Villingen-Schwenningen gewesen, um das Abitur vor 20 Jahren zu feiern. Christoph Sieber hatte keinen schlechten Schnitt, immerhin 1,8, „damit hätte ich fast alles machen können“, und genau deshalb konnte er sich nicht entscheiden.

 

Seinen künstlerischen Lebenslauf lässt er kokett mit der ersten Hauptrolle als siebenjähriger Sankt Martin in der Grundschule Niedereschach beginnen. Auch später habe er sich im Schultheater um ernste Rollen bemüht, „das hat aber nie geklappt, weil alle immer lachten“. So fand sich Sieber damit ab, stets der Clown zu sein, was ihm zugleich eine Position der „natürlichen Auflehnung“ gegen die Eltern ermöglichte. Vor allem gegen den Vater, nach dem er nur in Baden-Württemberg gefragt wird. Otto Sieber ist seit exakt 40 Jahren Bürgermeister von Niedereschach, gebürtiger Balinger, schwäbischer Katholik, bodenständig und konservativ, der den Widerspruchsgeist des Sohnes weckte und ihn zu mancher Pointe inspirierte. Doch wenn der Junior mal in die Gegend kommt, mischt sich der Vater gern ins Publikum, lacht sich kaputt und kann seinen Stolz kaum verbergen.

Einfach war der Weg ins Komische nicht, Christoph Sieber hat sich mühsam durchs Curriculum der schönen Künste geackert. Schauspiel und Pantomime, Fechten, Maskenspiel, Improvisation, Tanz und Akrobatik. „Dabei wollte ich eigentlich sprechen.“ In Sport sei er eine Null gewesen, konnte „nicht mal Handstand“. Inzwischen ist selbst ein Salto „null problemo“, und das mit der Sprache hat sich quasi wie von selbst ergeben. Christoph Sieber hebt sich gerade mit seinem schauspielerisch-pantomimischen Fundament von der Riege reiner Wortakrobaten ab – seiner non-verbalen Artikulationskunst galt denn auch der Förderpreis.

Längst gehört Christoph Sieber zu den Großen der Szene und wurde mit Preisen überschüttet. 2002 hatte er seinen ersten Fernsehauftritt in Rudi Carrells „7Tage – 7Köpfe“, er wäre Stammgast im „Scheibenwischer“, gäbe es die Sendung noch, ist es jetzt im „Satire Gipfel“ und auch mal bei Stefan Raab. Fernsehen war für ihn eine anfangs befremdliche Herausforderung: „Du hast dreieinhalb Minuten und musst funktionieren, mit Kamera- und Kabelleuten drumherum, niemand lacht und niemand hört dir zu.“ Das ist bei zweistündigen Auftritten mit Blickkontakt zu aufmerksamen Menschen natürlich anders. „Dieses Publikum ist leidensfähig. Es bleibt sitzen, denn es ist deinetwegen gekommen. Im Fernsehen zappen sich die Zuschauer rein und schnell auch wieder raus.“

Die Trennung zwischen Comedy und Kabarett ist für ihn aufgehoben, „wir müssen die Leute abholen, wo sie sind“. Das kann auch bei Dieter Bohlen sein. Christoph Sieber will insbesondere Jüngere begeistern, die sich rar machen bei puristischem Polit-Kabarett: „Sie verstehen die Zusammenhänge nicht.“ Ohnehin müsse sich Kabarett heute an Themen orientieren, nicht an den vielen Politikern ohne Ziel und Profil.

Ob Sächsisch, Hessisch oder Bayerisch: Christoph Sieber liebt Dialekte und sucht darüber den Kontakt zum Publikum. „Mundart kann Härte nehmen“, auch wenn sie so herb klingt wie das heimatliche Schwäbisch auf der rauen Alb. Einigermaßen in die Nähe dorthin wird der Wahl-Kölner erst zur Preisverleihung am 30. April im Europapark Rust kommen. Dass ihm die Lorbeeren den Kopf vernebeln, ist nicht zu befürchten. Größer als prominenzbedingte Erwartungen sei der eigene Druck. „Ich muss mich jeden Abend neu beweisen gegenüber den 150 Menschen, die vor mir sitzen. Darauf kommt es an.“

Christina Nack

Weitere Artikel zu:

KOMMENTARE []

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie angemeldet sein.