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Zwei Kämpfer gegen das Flachsinnfernsehen - Stuttgarter Nachrichten

Zwei Kämpfer gegen das Flachsinnfernsehen

Von "Stuttgarter Nachrichten", aktualisiert am 06.03.2010 um 04:34
Ohne Pocher wird Harald Schmidt immer besser. Wird die Neuauflage der SWR-Sendung von Mathias Richling dem Stuttgarter Politparodisten ebenso guttun? Das Fernsehen will jünger und frischer werden - und braucht deshalb ältere Herren wie Schmidt und Richling.

Kabarettisten können nur so gut sein, wie die Politik schlecht ist, die sie begleiten. Für zwei Altmeister der deutschen Satire sind die Zeiten gerade glorreich. Bei den Aufzeichnungen fürs Radio und Fernsehen haben die beiden etliche Vorlagen verwandelt. Harald Schmidt, 52, landete am Freitagabend seine Pointen auf dem Flughafen (zu hören am nächsten Dienstag von 10 bis 12 Uhr bei "SWR 1 Leute"). Und Mathias Richling, 56, verkündet bereits heute Abend um 23.35 Uhr im SWR-Fernsehen aus seinem neuen "Studio Richling" den Absturz der Woche: "Das komplette Griechenland hat bei uns Hartz IV beantragt!"

14 Jahre lang trafen sich bei Richling Zwerch und Fell, dem Sendetitel im SWR-Fernsehen folgend. Jetzt, da sich Fell und Zwerch allmählich kennen sollten, kann sich der Kabarettist getrost umkrempeln lassen. Für eine gewisse Aufregung in SWR-Kreisen hat die 333-Kolumne über Richling und die bürgerliche Mitte vor vier Wochen gesorgt. Zugegeben, es war nicht fein von mir, die TV-Ummodelpläne vorab zu verraten. Das Spaßmachergewerbe findet es nicht lustig, wenn man seine Pointen vorwegnimmt. Richlings neue Spielwiese, über die es an dieser Stelle damals ging, konnte ich diese Woche bei der Aufzeichnung besichtigen. Bei Schmidt musste der junge Oliver Pocher gehen, damit der Alte als Solist brillieren kann. Richling aber war in seiner SWR-Sendung schon vorher allein. Er hätte sich also selbst rausschmeißen müssen. Aber das will in Zeiten des Flachsinnfernsehens ja keiner!

Größer, ja geradezu größerstädtisch ist das neue Fitnessstudio, in dem der Kabarettist nun als Hausmeister auf Schwäbisch agiert, während dazwischen wie gehabt Filme mit Richlings Politmaskerade laufen. Am besten ist der Mann, wenn er rotzfrech und respektlos wird. Schon Kohl habe nicht verraten, was mit dem ganzen Geld an der Steuer vorbei im Ausland geschah, so Richling: "Von ihm bekam man keine CD, nur die ganze CDU kann man kaufen."

Das Manko der Einspielfilme ist, dass Richling bei aller Perfektion viele Szenen ähnlich aufbaut. Er spielt selbstgefällige Politiker, die stolz auf ihr Amt sind, nicht zuhören, lieber über sich als über die Sache reden. Ein neues überraschendes Element schadet gewiss nicht. Der Hausmeister ist neu, auch wenn er an Richlings Paraderolle des Fernsehschwaben erinnert. Das schick illuminierte "Studio Richling" (so der neue Sendetitel) lässt auf modernes Trimmen mit Cardiotrainern der neuen Generation schließen. Dass an den Wänden Flachbildschirme hängen, ist heute üblich. Ich kenn" das von meinem Fitnessstudio. Da steckt man seinen Schlüsselchip - wie zuvor schon in die Geräte - in einen Bildschirm rein. Der lobt mich dann nach dem Training oder macht mir ein schlechtes Gewissen, indem er bewegte Lasten und verbrauchte Kalorien anzeigt. Wenn der SWR weiterhin dem Fortschritt schwer schnaufend folgen kann, da bin ich mir sicher, wird es diesen Chip schon bald im Richling-Studio geben. Der Mann könnte auf diese Weise sogleich erfahren, ob die bewegten Pointen und verbrauchten Lacher die Quotenziele des Senders erreicht haben. Wäre ich der Computer, hätte ich bei der Aufzeichnung folgende Bewertung ausgespuckt: Kürzere Filme, mehr Studio-Lästereien - dann zeigt der Trend klar nach oben. Fazit: Richling ist ein guter Comedian, aber ein noch besserer Kabarettist.

Harald Schmidt ist als Entertainer längst über alle Vergleiche erhaben. Weit hat er es gebracht, nur bisher nicht ins Außenstudio der nun 25-jährigen Sendung "SWR 1 Leute" auf dem Flughafen. Der Kollege Richling sei doch auch schon hier gewesen. "Kam er in der Hose oder im Rock?", wollte "Dirty-Harry" wissen. Gelächter des Publikums. "Na, er parodiert doch Politikerinnen wunderbar", so Schmidt weiter. Im April sei er bei Richling in dessen ARD-Sendung "Satiregipfel" zu Gast. Den alten Titel "Scheibenwischer" habe ja Dieter Hildebrandt "in einer Weinflasche eingekorkt". Austeilen kann er ja, der Schmidt. Im Gespräch mit Stefan Siller hat es gestern Abend in der obersten Etage des Terminals 1 natürlich die katholische Kirche getroffen: "Jetzt haben sich zwei gemeldet, die nicht missbraucht wurden."

Schmidts Autogramm ist nicht nur bei seinen Fans begehrt. Für Stuttgart 21 hat er unterschrieben, aber auch den Mitgliedsausweis des FC Bayern München. Seine Haltung zu Stuttgart 21 sei ambivalent: "Ich finde es gut, dass man in 20 Minuten nach Ulm fahren kann - doch was will ich in Ulm?" Inzwischen wisse er, dass man im unterirdischen Bahnhof weite Wege zu den Gleisen zurücklegen müsse. Schmidt: "Wenn Stuttgart 21 fertig ist, bin ich 68 und lass mich von einer Kraft aus den GUS-Staaten schieben." Für sein Gewerbe sei die momentane Lage tatsächlich ergiebig. "Da ist erst nix los, und dann fährt Bischöfin Käßmann Auto." Doch nicht über alles will Schmidt Späße machen. Die Sexaffäre beim DFB lässt er aus, denn Schwulenwitze im Stadion seien unerträglich. Würde man bei der ARD nach sexuellen Affären suchen, "wären ganze Flure leer". Die DFB-Affären haben bei ihm "die Sehnsucht nach Mayer-Vorfelder" geweckt. Soll Herr Schmidt ruhig ein bisschen von alten Zeiten träumen - seine Mitgliedschaft beim FC Bayern reden wir ihm schon noch aus.

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